Ein zweiter Blick - eine neue Welt!



Meine verstorbene Mutter, sie würde in einer handvoll Jahren ihren 100. Geburtstag feiern, glaubte zeitlebens, sich in einer gefährlichen Welt zu befinden, vor der sie ihre arg- und sorgenlosen Kinder warnen mußte: "Seit nicht frech zu den Erwachsenen!", war ihr ein wichtiger Grundsatz, der vom regelmäßigen Hinweis ergänzt wurde, unsere ständig laufenden Nasen gewissenhaft ins mitgeführte Stoff-Taschentuch zu schneuzen!

Derart perfekt auf mein beginnendes Leben vorbereitet ritt ich in die weite Welt hinaus, bereit, im Zweifel meinen Mund zu halten, und im Fall eines beginnenden Nasenflusses augenblicklich auf mein akurat gefaltetes Taschentuch zugreifen zu können. So blieb mir manche peinliche Verlegenheit erspart, ich lebte glücklich und zufrieden in der permanenten Eintönigkeit eines geregelten Lebens.

Den genauen Zeitpunkt kann ich heute nicht mehr erinnern, doch eines Abends kam bei zunächst mondklarer Nacht ein kräftig die Peitsche schwingender Sturm übers Land herbei geeilt, der mir mein Taschentuch aus den klammen Fingern riss und es den wütenden Geistern des Himmels überließ. So war ich der haltgebenden Verankerung eines konservativ-beschaulichen Daseins beraubt, mußte mich und alles um mich herum neu entdecken um schon bald festzustellen, die Welt meiner seligen Mutter gab es nicht!

Zu meiner nicht geringen Freude konnte ich feststellen, daß Wahrhaftigkeit, Edelmut und menschliche Großartigkeit keine Rolle spielten in einer global verrohten Gesellschaft, die sich im Glanze der eigenen Herrlichkeit suhlte, die sich an der Unterscheidung von Geschlecht und Herkunft orientierte! Gnadenloser Krieg galt als das übliche Miteinander, wobei das Sterben Tausender auf blutigen Schlachtfeldern nur am Rande Erwähnung fand.

In einem solch beeindruckenden Chaos konnte ich mich wohl fühlen, konnte das fesselnde Pflichtgefühl einer mahnenden, von falschen Werten geprägten Erziehung abstreifen! Endlich fühlte ich mich frei, spürte die frische Wildheit der Anarchie! Ein schlechtes Gewissen war gestern! Heute lüge ich wie gedruckt, ohne Reue! Das zähneknirschende Maulhalten ist mittels neuer Medien für immer vorbei! Ich danke Gott, daß er die Welt neu erschaffen hat!

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