Horch! Was kommt von draußen rein?
Es ist, viele kennen das Lied, mein 'Feinsliebchen'. Hinter ihm schließe ich sofort die Tür, drehe den Schlüssel um und hoffe, weitere Besuche bleiben aus. Doch schon in dem Moment, als ich der Geliebten den Willkommens-Kuss auf die roten Lippen drücken will, vibriert ihr Telefon in der Gesäßtasche.
"Hallo Mama", mir schwant Böses, "der Arzt hat Dir Bettruhe verordnet? Natürlich, ich komme sofort vorbei!" Blut ist dicker als Wasser. Das Bedauern in Feinsliebchen Augen ist flüchtig und weicht einer unbestimmten Sorge. Die alte Dame muß sich Ruhe gönnen, ausgerechnet kurz vor Weihnachten. Wie ich meine Schwiegermutter in spe kenne, wird sie die Hilfsbereitschaft ihrer Lieblingstochter ausführlich in Anspruch nehmen.
Ähnliche Gedanken kreisen durch den oft so eigenwilligen Kopf meiner Geliebten. "Du kannst ja an den Weihnachtstagen zu uns kommen", ruft sie mir von der Autotür zu und ahnt nicht, wie tief sie mir damit den silbrigen Dolch ins empfindsame Herz stößt. "Gute Fahrt und schöne Grüße" krächze ich mit dem Rest meiner erstickenden Stimme zurück.
Horch! Was kommt von draußen rein?
Das Klopfen war nur leise zu hören. Beethoven´s Neunte jubilierte durch die Wohnung. Ein alter Trick von mir. Wenn ich traurig bin, höre ich mir das Lied von der Freude an. Dann kommen Sinn und Verstand arg durcheinander, ich lache und weine gleichzeitig. Nie bin ich mehr Kind als an traurigen Weihnachtstagen. Aber, das Klopfen, ich wage es kaum zu hoffen: "Ist Feinsliebchen zurück?"
Vor der Tür steht eine junge, wunderschöne Frau. Sie lächelt mich verführerisch an und bittet um Einlaß. "Ich suche eine Herberge für die kommenden Tage. Bitte, erbarme Dich meiner!" Mit diesen Worten appelliert die Schöne an meine Beschützerinstinkte. Ich denke sofort an Maria und Josef, an die Weihnachtsgeschichte und werfe einen unverhohlenen Blick auf den Bauch der engelsgleichen Gestalt. Nein, hochschwanger ist diese Frau nicht. Sie erscheint mir unberührt wie frischgefallener Pulverschnee in den Bergen.
"Komm rein", höre ich mich sagen, die Haustür weit öffnend, mit der Hand nach innen zeigend. Das Christkind schwebt an mir vorbei, betörend nach Zimt und Vanille duftend. Als wir beide im Wohnzimmer stehen, legt sie ihre Arme um meinen Nacken, schließt die Augen, öffnet ihren Mund ein klein wenig. In diesem verführerischen Moment stellt mich das Klingeln meines Telefons wieder auf realistische Beine. "Feinsliebchen, Deine Mutter will, daß Du die Weihnachtstage bei mir verbringst?"
Schon wieder bin ich sprachlos. Meine zukünftige Schwiegermutter ein selbstloser Mensch? Zauberhafte Frauengestalten, die das Fest der Liebe mit mir feiern wollen? Nein, das kann nicht sein! Da stimmt was nicht!
Horch! Was kommt von draußen rein?
Diesmal steht die Polizei vor meiner Tür und klopft energisch. Ob ich eine Frau gesehen hätte, die angeblich nach einer Herberge sucht, in Wahrheit aber einer Räuberbande angehört, fragen die Beamten und können sich mein blödes Glotzen nicht erklären. "Ja", stammele ich, "ich habe das Christkind gesehen. Es ist in meinem Wohnzimmer". Kurz darauf wird der wunderschöne Engel in Handschellen abgeführt. Gerade in dem Moment, als mein Feinsliebchen aus dem Auto steigt. Leider versteht es die ganze Situation völlig falsch...
So werde ich auch dieses Weihnachten alleine verbringen! Nicht nur Weihnachten, mein ganzes Leben! Denn eines ist gewiß - meine Haustüre bleibt für Besucher geschlossen! Ich ziehe das Telefonkabel aus der 'Dose' und werfe mein Handy auf den Müll. Denn nur so bin ich bereit für 'Ludwig van', für mein Lied:
"Hörst Du das Lied der Freude,
das die ganze Welt durchdringt,
hörst Du das Lied der Liebe,
das die ganze Jugend singt?
Vor uns liegt ein besseres Leben,
Tränen sind Vergangenheit,
laßt uns alle Brüder werden,
Freunde sein für alle Zeit!"
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